Franz Kafka (1883-1924) zählt zu den literarischen Ausnahmegestalten des 20. Jahrhunderts. Selten hat ein Dichter tiefere Spuren im imaginativen Bewusstsein seiner Nachwelt hinterlassen, und selten hat eine Dichtung mehr Deutungen und Missverständnisse hervorgebracht.
Dass der Name Franz Kafkas längst zur Chiffre für ein Werk von weltliterarischer Bedeutung geworden ist, steht außer Zweifel, sagt aber nichts über die vielfältigen Lesarten und Kafka-Bilder, die in der Welt kursieren. Es versteht sich von selbst, dass der Autor in Tschechien anders aufgenommen wird als in Japan, den USA, Israel oder Russland, wo völlig verschiedene Rezeptionsentwicklungen und -bedingungen vorliegen. Nicht selten haben sich Klischees und begriffliche Imagologien ausgeprägt, die allein aus Werk und Biographie des Dichters nicht zu begründen sind. So erscheint das Image Kafkas oftmals aufgeladen mit Bedeutungen aus konkreten kollektiven oder historischen Erfahrungskontexten einer Gesellschaft. Erinnert sei hier nur an einige virulente Deutungsmuster aus dem Bildarsenal vergangener Jahrzehnte: Kafka galt als der Dichter der Verzweiflung, der Angst, des Existenzialismus, der absurden Bürokratie und des Überwachungsstaates; ebenso wurde er als „Religionsstifter", als „Prophet” oder als „Führer der Konterrevolution” in Anspruch genommen. Offenbar taugt „Kafka” auch als Projektionsfigur für außerliterarische Sinnproduktion. Doch welche Bilder und welche Voraussetzungen existieren überhaupt in den einzelnen Ländern? Bedeutet „kafkaesk” in Paris dasselbe wie in Wladiwostok? Wird Kafka tatsächlich überall gelesen, oder ist es vielmehr der Ruf des Ominösen, der seiner Lektüre bzw. seinem Verständnis vorauseilt? Und obgleich überall in der Welt bekannt, gab es immer wieder auch Länder, in denen der Prager Dichter zur Persona non grata erklärt wurde ... Was bedeutet also weltliterarischer Rang in den Provinzen der Welt?
Diesen Fragen nachzugehen ist in vielerlei Hinsicht ein lohnenswertes Projekt im Kafka-Jahr, und die Möglichkeit weltweiter Vernetzung bietet dafür eine einzigartige Chance: Geplant ist ein möglichst umfassendes Kompendium, das den literarischen bzw. außerliterarischen „Fußabdruck” Kafkas in jedem Land mit kurzen, aber übersichtlichen Informationen beschreibt. Ein solcher „Kafka-Atlas” soll länderspezifische Informationen zu den jeweils herrschenden Kafka-Bildern/-Lektüren/-Rezeptionen und anderen Realien (z.B. Schulpflichtlektüren, veröffentlichte Übersetzungen, Ausgaben, Zensur etc.) nach dem Muster herkömmlicher geographischer Atlanten liefern. Der Nutzen einer solchen Datenerhebung würde nicht nur in einem profunden, systematischen Überblick für die Kafka-Forschung liegen, sondern könnte auch darin bestehen, Aussagen über den global unterschiedlichen Zugang zur deutschsprachigen Literatur, den Lesekanon der Germanistik, die Realien interkultureller Verständigung oder über das literaturwissenschaftliche Profil der Länder zu gewinnen. Und ganz nebenbei würde der „Kafka-Atlas” auch sinnvoll den Blick öffnen: von der Inanspruchnahme Kafkas als Ikone deutschsprachiger Literatur hin zur Perspektive eines Autors von Weltliteratur.


Dazu bedarf es jedoch der synergetischen Zusammenarbeit vieler Beiträger.

Um den Atlas in repräsentativem Umfang zusammenzustellen, werden zunächst kompetente Autoren für die Länderartikel gesucht. Möglichst alle Länder, ggfs. auch historische Staatsformationen (z.B. UdSSR, DDR etc.) sollen hier repräsentiert sein.
Die Artikel sind nach Stichworten aufgebaut (-> Artikelaufbau): Landeskundig versierte Autoren stellen relevante Angaben und Informationen über ihr Land zu einer Übersicht zusammen. Der einheitliche Aufbau dieser Übersichten soll einen raschen informativen Zugang zu den Kafka-Spezifika des jeweiligen Landes gewährleisten und bietet darüber hinaus die Möglichkeit vergleichender Betrachtungen.
Autoren, die am Verfassen eines Artikels interessiert sind, wenden sich bitte mit einem kurzen CV an: kafkaatlas (at) gmail.com (zur besseren Koordinierung in der Betreffzeile bitte immer den Ländernamen eintragen). Um es noch einmal zu unterstreichen: Alle Länder, auch und gerade Länder, in denen Kafka unbekannt ist oder tabuisiert, sind für das Projekt von großem Interesse - geht es doch letztlich darum, ein möglichst differenziertes Bild von „Kafkas Welt” zu gewinnen.

Den zweiten Schwerpunkt des Kafka-Atlas-Projektes bildet eine Umfrage zu den aktuellen Kafka-Bildern weltweit. Im Rahmen dieser Umfrage soll an Schulen und Universitäten ein kurzer Fragebogen verteilt werden, in welchem Aussagen zum landesspezifischen „Kafka-Image” eruiert werden. Der Fragebogen ist vorzugsweise online auszufüllen (an Orten ohne direkten Internetzugang können evtl. auch ausgedruckte Formulare verteilt werden). Für die Aussagekraft und Bewertung dieser Umfrage ist es wichtig, Teilnehmer an möglichst vielen Orten zu erreichen. Selbst kleinere Umfragequoten können wichtige Informationen liefern.

Herzlichen Dank allen Unterstützern dieses Projekts!
Ekkehard Haring